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Regio-Tram – eine Diskussion
17. Juli 2014

Liebe Leserleins, wir im Team müssen nicht zu allen Themen eine einheitliche Meinung haben. Bei der Regio-Tram sehen wir nicht ganz durch und haben uns noch keine „Redaktionsmeinung“ gebildet. Auch die Leserleins scheinen in dieser Frage noch sehr unsicher zu sein. Dumm allerdings, dass – wie so oft in Österreich – die öffentliche Diskussion über ein Konzept erst dann einsetzt, wenn schon gebaut wird bzw. der Zug beinahe schon abgefahren ist (hier fast wörtlich zu nehmen). Wir wollen daher in den nächsten Wochen und Monaten diesem Thema breiteren Raum widmen, Befürworter und Gegner zu Wort kommen lassen. Immerhin gibt es bereits eine Initiative von Bürgern, die zwar allem Anschein nach eine Nähe zur FP hat (wobei ein Teil der FP sich in Sachen Hotel-Lacus-Infelix nicht mit Ruhm sondern eher mit Rum bekleckert hat), was aber nichts am Anliegen und seinen Inhalten ändert.

Wir haben einen sehr interessanten Kommentar von „Erni dem Seehund“ erhalten, den wir wegen der sehr ausführlichen und nachvollziehbaren Argumentation nochmals hier im „offiziellen“ Blog-Teil als Beitrag bringen. Es gilt natürlich für alle erwähnten Personen die Unschuldsvermutung. Weitere Beiträge aus allen Richtungen sind erwünscht!

Babsy Blitzschnell f. d. Team Gmundl

 

Die Regio-Tram und die Verschandelung Gmundens

von: Erni der Seehund

Gesendet am 16.07.2014 um 12:41 nachmittags | Als Antwort auf AndyB GABT .

AndyB GABT – Kompliment. Ich verfolge Ihre Beiträge seit geraumer Zeit und finde Ihre Ansichten weitestgehend absolut richtig. Bezüglich der Durchbindung des Regionalzuges Vorchdorf – Gmunden, durch Gmunden – sind Sie jedoch mit der Bezeichnung „Straßenbahn“ für dieses 32m lange und 50 Tonnen schwere Ungetüm, viel zu charmant. Ich hoffe Sie haben nicht resigniert und finden sich nicht mit diesem unerträglichen Unterfangen als gegeben ab.

Man muss sich vorstellen, der Rathausplatz, einer der schönsten Plätze Österreichs, wird zu einem Eisenbahnterminal umfunktioniert und nachhaltig verschandelt. Anstatt diesen schönen Platz inklusive Kirchengasse zu einer barrierefreien Begegnungszone umzubauen, soll in Zukunft barrierefrei nur fürs Aus- und Einsteigen in den Regionalzug gelten. Zu diesem Zweck müssen die Gehsteige häuserseitig und seeseitig auf 25cm aufgedoppelt werden –so manche Nachtschwärmer werden mit Sicherheit nächtens köpfeln. Die Befürworter dieses unverantwortlich sündteuren Projektes behaupten, dass die Durchbindung des Regionalzuges durch Gmunden den PKW-Durchzugsverkehr, aufgrund der Behinderung, massiv reduzieren wird – in diesem Fall würde der Teufel mit dem Toifel vertauscht werden. Herr GR Kammerhofer hat vor ein paar Jahren eine mehrstündige Aktion durchgeführt und zwar „Rathausplatz verkehrsfrei“. Zu diesem Zweck war der PKW-Verkehr durch Gmunden für einige Stunden unterbrochen. Diese Aktion wurde von den führenden Politikern jedoch nur arrogant milde belächelt. Das aber ist der Punkt – der Verkehr gehört aus Gmunden hinaus! Überall wo in der Vergangenheit Fußgängerzonen eingerichtet wurden kehrt Leben zurück. Man braucht nur nach Bad Ischl in die Pfarrgasse schauen. Darüber hinaus wird durch den Bau der Schienenstränge und dem folgenden laufenden Betrieb der Bahn die Bausubstanz der bis zu 500(!) Jahre alten Innenstadthäuser, zwischen Trauntor und F. J. Platz massiv gefährdet. Diesbezügliche Bedenken und Ängste werden vom Geschäftsführer der Stern&Hafferl Verkehrsbetriebe nur scheinheilig ernst genommen, wohl wissend, dass sich im Schadensfalle Betroffene mit Versicherungsspezialisten hinunter streiten können und Stern&Hafferl sich lächelnd abputzen kann. Sowohl der Altstadtensembleschutz des Bundesdenkmalamtes, wie auch der Naturschutz bezüglich der für dieses Projekt notwendigen Baumfällungen am F. J. Platz, sind machtlos in dieser Angelegenheit, weil das Eisenbahngesetz gegenüber diesen beiden Abteilungen des Landes Vorrang und offensichtlich Narrenfreiheit hat.

In einem Kommentar in „salzi.at“, Ende Mai d. J., habe ich zum Artikel: „Gmundner Wirtschaftstreibende ziehen für die StadtRegioTram an einem Strang“, einen bedeutend billigeren, zweckmäßigeren und umweltschonenderen Vorschlag gemacht:

1. keine Durchbindung des Regionalzuges vom Klosterplatz > F. J. Platz
2. Erweiterung des Parkplatzes auf den Michlgründen – (Tiefgarage?), nur wenn notwendig
3. Erweiterung der bestehenden Tiefgarage > F. J. Platz, ebenfalls nur wenn notwendig
4. Errichtung von versenkbaren Pollern am Brückenkopf (traundorfseitig) und zwischen Stadttheater und Haupttrafik.

Die Zufahrt in die untere Innenstadt zwischen Kammerhofgasse und Theatergasse ist in der Folge nur mehr Taxis, kleinen Citybussen, Warenlieferanten (zeitlich begrenzt) und Bewohnern die ihren Hauptwohnsitz in der Innenstadt haben, vorbehalten. Gmundner die ihre Stadt lieben, werden gerne Umwege in Kauf nehmen.

Übrigens, vor einigen Wochen habe ich erfahren, dass in Wien seit zwei Jahren erfolgreich Elektro-Citybusse im Einsatz sind. Herr VizeBgm Sageder wurde mit dieser Alternative konfrontiert. Seine kurze Antwort war: „e-Citybusse sind wegen der Steigungen in Gmunden ungeeignet“. Laut Auskunft von Herrn Dipl.Ing. Peter Wiesinger, Chef der Wiener Linien, bewältigen die im Einsatz stehenden Elektro Busse locker Steigungen bis 16%, bei extrem kurzer Ladezeit. Die Straße mit der größten Steigung in Gmunden hat knapp 9%(!) – Am Graben bzw. im Bereich der oberen Bahnhofstrasse – Einfahrt Keramik.

Aufgrund der Topographie Gmundens ist der Regionalzug als öffentliches Verkehrs-Allheilmittel völlig ungeeignet. Die einwohnerstärksten Bereiche Gmundens werden durch diesen Zug nicht erreicht. Man ist erst wieder auf die Citybusse angewiesen. Darüber hinaus ist der geplante Regionalzug Gmunden / Hauptbahnhof – Vorchdorf weder eine Verbindung zwischen einwohnerstarken Ballungszentren, noch sind größere Industriebetriebe entlang der Strecke angesiedelt. Nicht umsonst hat der bestehende Zug Gmunden – Vorchdorf seit Generationen den Spitznamen „Dschungelexpress“.

Die von Stern&Hafferl lancierte Vision, dass sich in den nächsten Jahrzehnten viele Menschen entlang der Bahnstrecke ansiedeln werden, ist außer dämlich nur dämlich. Wenn man die örtlichen Entwicklungskonzepte von Vorchdorf, Kirchham, Gschwandt und Gmunden kennt, weiß man, dass es sich bei den Grundstücken links und rechts der Bahnstrecke im Bereich dieser Gemeinden zu 95% um landwirtschaftlich genutzte Flächen handelt, wo die Landwirte meines Wissens nach nicht das geringste Interesse haben umzuwidmen.

Aber warum besteht Stern&Hafferl so vehement auf die Verwirklichung dieses sündteuren, sinnlosen Projektes? Die Erklärung ist ganz einfach. Die Firma Stern&Hafferl hat nur Vorteile bei Null Risiko, weder bezüglich der Baukosten noch für den laufenden Betrieb der Bahn. Diese Firma lässt sich alles von der öffentlichen Hand bezahlen. Ermöglicht wurde dies, weil „öffentliches Interesse“ für diese Bahn trickreich „nachgewiesen“ wurde. Der Nachweis wurde jedoch aufgrund getürkter Fahrgastzahlen erbracht, die belegbar falsch sind und bei weitem nicht den tatsächlichen Fahrgastzahlen entsprechen. Sämtliche Gutachten und Potenzialanalysen wurden von der Firma Stern&Hafferl in Auftrag gegeben und sind daher dementsprechend Stern&Hafferl-freundlich und das Blaue vom Himmel versprechend ausgefallen. Unverantwortlich jedoch die Handlungsweise der Beamten und Politiker im Land, die diese Angaben offensichtlich ungeprüft(?!) eins zu eins übernommen haben und Steuergelder in zig Millionenhöhe für dieses Projekt zur Verfügung stellen. Die Gmundner Stadtpolitiker waren in diesem Zusammenhang darüber hinaus noch mit einem unschönen Druck der Firma Stern&Hafferl konfrontiert indem diese, sollte das Projekt nicht zustande kommen, mit Abwanderung nach Vorchdorf gedroht hat.

Einzige Nutznießer dieser traurigen Posse sind einige Mitglieder der großen Stern&Hafferl Familie, welche sich die lukrativen, bestens dotierten Führungspositionen in der Verkehrsabteilung aufteilen. Egal ob der Bahnbetrieb aktiv oder passiv ist, Geld wird es dank der laufenden Subventionen immer regnen, egal ob wir (die Allgemeinheit) es uns leisten können oder nicht. Die Gmundner Innenstadt wird zudem, ich wiederhole mich bewusst, nachhaltig verschandelt. Und das alles zusammen ist eine Riesenschweinerei.

 

Anmerkung: wir haben diesen Beitrag so übernommen, wie er gepostet worden ist, also ohne redaktionelle Änderungen.
Babsy Blitzschnell f. d. Team Gmundl

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