Thomas Bernhard & die RegioTram – Eine Séance

Thomas Bernhard fährt mit der Bim und besucht das Brandl

Liebe Leserleins!

Bevor wir zum eigentlichen heutigen Blog kommen, ein paar allgemeine Bemerkungen.

Wir haben jetzt neben der Hoteldebatte, der Regio-Was-war-es-nur-Debatte auch eine Rechtschreib- und Schimpfdebatte. Wunderbar! Es lebe die Debatte! So vielfältig gehts hier zu.
Aber im Ernst: Wir freuen uns, wenn hier kräftig diskutiert wird. Das schärft die Sinne, stärkt die Debattenkultur und bringt uns zu neuen Erkenntnissen. In einer Konlfiktdemokratie geht mehr weiter als in der angeblichen Konsendemokratie, in der alles zugedeckt, ausgepackelt, niedergestimmt oder durchgezogen wird. Solange Konflikte nicht um des Konfliktes willen ausgetragen werden, ist das eine feine Sache. Hier im Blog entsteht so eine neue Kultur der Meinungsbildung. Auch wenn viele, vor allem die Machthaberer, das für eine Unkultur halten. Aus ihrer Sicht verständlich, aber diese Sicht hat viel zu lange das Geschehen bestimmt.

Die Folgen von jahre-, ja sogar jahrzehntelanger Vertuschung sieht man jetzt in Ohlsdorf. Inzwischen ist der dritte Brunnen „den Bach hinunter“, verkeimt und gesperrt. Die Ohlsdorfer kochen jetzt auch nur noch mit Wasser, mehr noch, sie müssen ihr Wasser sicherheitshalber aufkochen, bevor sie es verwenden. Weil ein Gfrast mit krimineller Energie auf einer Baudeponie Dreck abgelagert hat, gibts die Giftstoffe. Weil einige Landwirte, Bauernbund schau owa, ihre Felder gemeingefährlich Überdüngen sind in einem Brunnen, der – so die Behörden – zu nahe an den Feldern liegt, verkeimt. Was ist das für eine Landwirtschaft, die das eigene Wasser ruiniert? Was sind das für Leute, die eine Deponie im Bereich der Grundwasserströme versauen? Solche Leute sind – man soll sich nicht scheuen, das zu sagen – Verbrecher und Kriminelle, die unsere Lebensgrundlagen zerstören.
Der Skandal: seit gut drei Jahrzehnten, so erzählten mir Altvordere, werde gemunkelt, dass sich kontaminiertes Aushubmaterial vom Wiener U-Bahn-Bau in die Gegend verirrt und hier eine billige, wenngleich gefährliche Ruhestätte gefunden habe. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Uns liegen Namen vor, wir können sie nicht nennen, um die Informanten nicht zu gefährden. Die Überraschung wird sich aber in Grenzen halten, wenn die Infos sich als wahr herausstellen sollten.

Aber jetzt zu Thomas Bernhard. Achtung! Warnung! Jetzt wirds literarisch! Soll aber keine Hemmschranke sein, liebe Leserleins, traut euch über den Text. Es lohnt sich, finden jedenfalls wir hier.
Ja, ein ehemaliger Salzkammergut-Zeitungs-Redakteur, Josef Aigner, hatte geglaubt, mit einem Thomas Bernhard-Zitat aus dem Jahr 1989 die RegioTram des Jahres 2014-2016 rechtfertigen zu können. Blöderweise wurde der zweitbest bezahlte Stadtamtsmitarbeiter dabei erwischt, dass er sich den Bernhard für seine Zwecke ein bisserl zurechtgebogen hatte. Künstlerpech, gell! Aber uns hat das natürlich keine Ruhe gelassen. Was würde denn der Thomas Bernhard heute tatsächlich zum RegioBahnTramZug sagen, wie er jetzt konzipiert ist. Wir hätten jetzt einfach mal wild darauf los spekulieren können, oder gar versuchen können, auch ein wenig nach dem Vorbild Aigners am Bernhard-Brief herumzudrehen, solange, bis das drin steht, was wir gern herauslesen würden. Das war uns dann doch zu unseriös.
Wir haben also ein landesweit bekanntes Medium aufgesucht, berühmt für seine/ihre Dialoge mit Verstorbenen. In der anschliessenden Séance gelang es tatsächlich, mit Thomas Bernhard Kontakt aufzunehmen. Eiu wenig grantig war er allerdings. Aber das war er auch zu Lebzeiten. Spricht dafür, dass wir den richtigen Thomas Bernhard erwischt hatten. Thomas Bernhard diktierte unserem Medium ein neues Dramolett, in dem diesmal sogar er selbst die Hauptrolle spielt. Er lässt übrigens Peymann schön grüssen und freut sich, dass sein Testament zu so herrlichen Verrenkungen geführt hat. Er ändere keineswegs sprunghaft seine Meinung, liess er uns wissen, bloss seine Meinungen änderten täglich sprunghaft ihn selbst.
Hier also der Text. Was Bernhard uns damit posthum mitteilen will, können wir nicht wirklich sagen. Aber die meisten haben ja schon zu Bernhards Lebzeiten seine diesseitigen Stücke nicht verstanden.

Babsy Blitzschnell f. d. Team Gmundl.


Thomas Bernhard fährt mit der Bim und besucht das Brandl

Ein Dramolett nicht aus dem Nachlaß, sondern aus dem Jenseits

Bei einer spiritistischen Sitzung ist es einem bekannten österreichischen Medium gelungen, mit Thomas
Bernhard Kontakt aufzunehmen. Er hat dem Medium dieses Dramolett in einem Zug (!) diktiert. Für die
richtige und vollständige Übertragung können wir wegen wer schlechten – eben jenseitigen – Signalqualität nicht
garantieren.

Dunkle Wolken hängen über Gmunden. Es regnet heftig. Eine vermummte Gestallt nähert sich zu Fuß der
Endstation der Straßenbahn beim Gmundner Bahnhof. Die Gestalt ist Thomas Bernhard. Er schlägt den
Mantelkragen hoch und krümmt sich zusammen, als ob er ganz im Mantel verschwinden wollte.

Bernhard:         Sauwetter. Gestern war Kaiserwetter. Aber heute ist Gmundner Wetter. Katholisches
Gmundner Wetter. Wie mich vor all dem ekelt. Die ganze Stadt eine Regenpfütze. Der
Bürgermeister: eine Regenpfütze. Die Menschen abgrundtief stumpfsinnig. Verschlagene
Banausen. Alles in allem deprimierende Charaktere.

Er besteigt die Straßenbahn.

Bernhard:          Der Bürgermeister sitzt auch schon im Wagen. Ausgerechnet der Bürgermeister. Eine durch
und durch verkommene Welt, mit der ich nichts mehr zu tun haben will.

Bernhard geht am tropfnassen Bürgermeister vorbei.

Bernhard:          (Während er den Hut leicht anhebt) Grüß Gott, Herr Bürgermeister. (Leise zu sich selbst)
Dieser katholische Stumpfsinn. Wie kann man nur so katholisch sein!

Bürgermeister: Grüß Gott, Herr Bernhard. Naß heute, nicht wahr?

Bernhard rückt seinen Hut zurecht und setzt sich schweigend eine Reihe hinter dem Bürgermeister nieder, ohne
diesen eines weiteren Blicks zu würdigen..

Bürgermeister: Schreiben Sie an einem neuen Stück?

Bernhard:         Ich wär ja mit allem zufrieden. Hauptsache ich hätte die Straßenbahn für mich allein. Aber
nein. Gmunden im Regen und der Bürgermeister fährt mit. Nur der Fahrer und ich, das nenne
ich Straßenbahnfahren. Der Fahrer und ich und der Regen.

Bürgermeister: Ist ganz leer die Tram. Ich sag auch nichts mehr.

Bernhard:         Er sagt nichts mehr! Das sagt sich so leicht: er sagt nichts mehr. Das wär das erste Mal, daß er
nichts mehr sagt. Das erste Mal wäre das.

Der Bürgermeister schließt die Augen und schweigt.

Bernhard:         Naß werd ich werden am Weg zum Brandl. Pitschnaß. Ich, mein Mantel und der Regen. Der
Regen, mein Mantel und ich. Ich schau schon aus wie der Bürgermeister. Ein katholischer
Alptraum. Nicht einmal seine Schuhe sind geputzt.
Ich hab mir ja die Schuhe
mein Leben lang selbst geputzt.
Niemand durfte mir je die Schuhe putzen.
Schon gar nicht, wenn es regnet. Jetzt schau ich aus wie ein Bürgermeister. Ich muß meine
Schuhe putzen. Warum kann man in dieser Straßenbahn seine Schuhe nicht putzen?

Er steht auf, geht zum Bürgermeister, mustert dessen Schuhe und geht wieder zu seinem vorherigen Sitzplatz. Setzt sich nieder.

Bernhard:         So kleine Füße und so große Schuhe. Der hat die Regenlacken in den Schuhen stehen. Der
nimmt seine Regenlacken überall hin mit. In der ganzen Stadt katholische Regenlacken und zu
große Schuhe mit zu kleinen Füßen. Das ist sein Schicksal. Darum muß er Bürgermeister
bleiben. Ich war ja nie katholisch. Aber er muß katholisch bleiben, mit seinen zu großen
Schuhen. Ich war auch nie Bürgermeister. Er aber muß Bürgermeister bleiben mit seinen zu
kleinen Füßen.

Der Bürgermeistet tut, als ob er schlafen würde.

Bernhard:         Ich hätte schon bei der Ankunft am Gmundner Bahnhof umkehren sollen. Ich bin in die
Gmundenfalle gegangen. Wir haben alle gedacht, wir haben eine Vaterstadt, aber wir haben
keine. Auch Ohlsdorf ist nur eine Falle. Das ganze Salzkammergut ist eine einzige Falle. Das
kleine Gmunden ist nichts als eine riesengroße Falle.

In dieser fürchterlichsten aller Städte
haben sie ja nur die Wahl
zwischen schwarzen und roten Schweinen
ein unerträglicher Gestank breitet sich aus
vom Rathaus und vom Kammerhof
über diese ganze verluderte und verkommene Stadt.

Bernhard tupft von hinten dem Bürgermeister auf die Schulter.

Bernhard:            Diese kleine Stadt ist ein großer Misthaufen.

Der Bürgermeister stellt sich weiterhin schlafend.

Die Straßenbahn rattert durch die engen Gassen hinunter Richtung See und bleibt am Franz Josefs-Platz stehen. Es regnet noch immer heftig.
Der Bürgermeister tut so, als ob er eben aus einem kurzen Schlaf erwacht sei, dreht sich zu Bernhard um, nickt ihm ein Politikerlächeln aufsetzend zu und verläßt den Waggon. Bernhard steht ebenfalls langsam auf, steigt auch aus, bleibt stehen und wirkt unschlüssig.

Bernhard:         Lächerliche Idee, gerade heute in die Stadt zu fahren. Als die Straßenbahn noch bis zum
Rathausplatz gefahren ist, hätte ich fahren sollen. Aber da hat es nie geregnet, wenn ich in die
Stadt wollte. Also bin ich nie gefahren. Erst seit die Straßenbahn nicht mehr bis zum Brandl
fährt, regnet es hier immer. Erst seit es regnet, fahre ich mit der Straßenbahn. Ich muß einen
Brief an die Salzkammergut-Zeitung schreiben. Einen echten Salzkammergut-Zeitungsbrief,
die sind immer so deprimierend. Deprimierende Salzkammergut-Zeitungsbriefe schreiben, das
ist es!

Bernhard steht im Regen und denkt kurz nach.

Bernhard:         Einen Brief werde ich schreiben, den kann man dann zitieren in vielen Jahren. Ich werde mich
nicht mehr wehren können gegen die Salzkammergut-Zeitungsbrief-Zitierer. Die zitieren eh
wie sie wollen. Schreckliche Journalisten. Dieser katholische Sumpf aus dem hier alle kommen,
aus dem hier alle nicht rauskommen. Und dieser Geruch nach Lebeknödelsuppe. Woher der
nur kommt. Man macht hier ja ausgesprochen schlechte Leberknödeln. Schlechte
Leberknödeln in schlechter Leberknödelsuppe. Aber die Frittatensuppe hier ist auch nicht
besser.
(Er betrachtet die dunklen Regenwolken.)
Ich hol mir den Tod am Weg zum Brandl.
Der Bürgermeister sitzt schon beim Grellinger. Grellingersitzen, das ist ein Bürgermeister!
Aber beim Baumgartner kann er ja nicht sitzen, dort hat er ja Hausverbot. Lächerlich mit so
kleinen Füßen so große Schuhe zu tragen.
Der Bürgermeister kann Grellingersitzen, aber ich muß zum Brandl.

Der Bürgermeister hat inzwischen tatsächlich den Grellinger betreten und trifft dort auf zwei Parteifreunde.

Bürgermeister:  Wir müssen die Straßenbahn wieder bis zum Rathausplatz verlängern. Damit der Bernhard
nicht naß wird. Es ist so peinlich, wenn der Bernhard naß wird. Ein peinlich nasser Bernhard,
das kann sich die Stadt nicht leisten.

Parteifreunde:   (im Chor) Bis Vorchdorf verlängern! Damit die Vorchdorfer nicht naß werden. Keine nassen
Vorchdorfer in Gmunden! Nichts ist deprimierender als ein nasser Vorchdorfer in Gmunden.
Nichts ist deprimierender als ein nasser Gmundner in Vorchdorf.

Bürgermeister:  Für trockene Gmunder! Für trockene Vorchdorfer! Wir lassen niemanden im Regen stehen!

Bernhard hat inzwischen das Brandl erreicht. Er wirkt sehr durchnäßt.

Bernhard:         Vielleicht sollte ich doch keinen Salzkammergut-Zeitungs-Leserbrief schreiben.
Salzkammergut-Zeitungs-Leserbriefe zu schreiben ist eine durch und durch deprimierende
Idee.

Er betritt das Brandl und sieht sich um.

Bernhard:          Alles leer.

Als ob ich es geahnt hätte.

Regenvorhang.


Unser besonderer Dank gilt Michael Amon, der aus dem schwer verständlichen Ausgangsmaterial der Séance
einen zusammenhängenden Text destillieren konnte und ihn uns zur Verfügung gestellt hat.
Unter Verwendung und Abwandlung von Zitaten aus »Der Theatermacher« sowie »Heldenplatz« von Thomas Bernhard.

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