Der Tod ist angekommen

Liebe Leserschaft!

Angesichts aktueller Ereignisse sollte man innehalten. Im Wahlkampf, in den Berichten darüber und sich ein paar Momente des Nachdenkens über die wirklich grossen Fragen der Menschheit zugestehen.

Wir bringen daher heute einen literarischen Kurzessay von Michael Amon. Keine Antworten, bloss Fragen. Wer hätte in diesem Moment schon Antworten, die befriedigend sind? Wir jedenfalls nicht.

Bruno Beinhart f. d. Team Gmundl


Der Tod ist angekommen
Literarischer Kurzessay

Ein Gastbeitrag von Michael Amon

Der Tod hat Österreich erreicht. Der Tod des Flüchtlings. Einundsiebzig Menschen wurden in einem Lastwagen zusammengepfercht. Ein einsamer Tod findet statt inmitten anderer Menschen, tausende einsame Tode mitten in Europa, an den Grenzen Europas, im Meer vor Europa. Während Polizei und Gerichtsmediziner hierzulande einundsiebzig Leichname aus einem Laster holen mußten, ereignete sich anderswo noch Schrecklicheres: ungefähr zweihundert Tote, wieder einmal im Mittelmeer, als ein Schiff, vollgestopft mit 400 Flüchtlingen, harvarierte. Am selben Tag landete ein schwedisches Schiff in Italien an und brachte fast sechzig geborgene Tote an Land.

Der Krieg in Syrien und in Nordafrika geht uns nichts an, ist ja weit weg. Die sollen sich dort die Schädel einschlagen, so dachten viele. Aber der Krieg schwappt über nach Europa und trifft uns alle. Ein Krieg entwurzelt Menschen, produziert Flüchtlinge. Der Krieg und seine Toten erreichen Europa. Sie haben Europa bereits erreicht. Ob wir wollen oder nicht.

Der aufgefundene Transporter mit den einundsiebzig Toten war 700.000 Euro wert – für die Schlepper, vor allem aber für deren Hintermänner. Die Fahrer werden billig abgespeist und sind meist selbst arme Hunde. Wie das so ist: Unmenschlichkeit produziert Unmenschen. Die Fahrer bekommen ein, zwei  Hunderter. Die im Dunklen sieht man nicht, die Dunkelmänner. Die erwischt man nicht. Es wird sich auch diesmal so verhalten.

Auch wird es nicht die letzte Tragödie auf europäischem Boden gewesen sein. Der Krieg findet längst bei uns statt. Die Schlappermafia legt keinen Wert mehr darauf, ihre „Kunden“ gesund und sicher ans Ziel zu bringen. Hauptsache man hat abkassiert. Die Opfer werden nicht weniger werden. Die Frage ist, ab der wievielten Katastrophe sind wir so abgebrüht, dass wir sie als alltäglich hinnehmen werden?

Im Schlepperunwesen regiert eine der reinsten Formen des Kapitalismus: Der absolut freie und entfesselte Markt. Je schwieriger die Flucht wird, umso höher der Preis, den die Schlepper verlangen können. Das Schlepperunwesen ist angewandter radikal-liberaler Wirtschaftsextremismus.

Europa hat versagt und versagt weiter. Die europäischen Vorschriften und Gesetze haben das Schlepperunwesen mitermöglicht. Es gibt keine Sammellager an den Grenzen Europas oder vor Ort. Man muss eine europäische Grenze erreichen und überschreiten, damit man überhaupt einen Antrag auf Asyl stellen kann. Eine perverse Art von Mensch-ärgere-dich-nicht: Wer am falschen Feld erwischt wird, fliegt raus. Im Extremfall aus dem Leben. Wir müssen allerdings nicht die Einreise nach Europa erleichtern, sondern das Stellen der Asylanträge. Nur dann wird dieses „race with the devil“ ein Ende haben.

Es ist kein Wunder, wenn die Menschen Angst haben, die in den Kriegsgebieten und die hier in Europa. Aber was macht die Politik gegen diese Ängste? Es sind existenzielle Ängste, die man nicht einfach wegwischen kann. Die Welt ist aus den Angeln. Das ist sie immer, wenn man sich in der Geschichte so umschaut. Nur manchmal, und in so einer Zeit leben wir wieder einmal, da fällt es einem deutlicher auf. Da ist es unübersehbar.

Ist das die von Leibniz postulierte beste aller Welten?
Ist das Gute wirklich nur um den Preis der Existenz des Üblen zu haben?
Preisfrage: Wie schaut dann die Hölle aus?
Es geht um nichts, außer um unser aller Leben.
Um das der Flüchtlinge ebenso wie um das jedweden Menschen.
Letzten Endes sind wir alle nur Flüchtlinge. Woher und wohin auch immer.


Oh, a storm is threat’ning my very life today …
War, children, is just a shot away.
(Rolling Stones, Gimme Shelter)


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